Geißelung Christi

Frueauf d. Ä., Rueland

1491

Österreich; Wien; Kunsthistorisches Museum, Belvedere

Objekt

Bildrechte
Detailtitel:Geißelung Christi (Flügeltafel von: Salzburger Passionsaltar)
Titel in Originalsprache:Geißelung Christi
Titel in Englisch:Flagellation of Christ
Datierung: 1491
Ursprungsregion:deutschsprachiger Raum
Lokalisierung:Österreich; Wien; Kunsthistorisches Museum, Belvedere
Lokalisierung (Detail):Inventarnummer: 4841; Teil der Flügeltafeln des Salzburger Passionsaltars (um 1490/91); Außenflügel (Marienleben): Maria Verkündigung, Maria Geburt, Epiphanie, Himmelfahrt Mariä; Innenflügel (Passion): Christus am Ölberg, Geißelung Christi, Kreuztragung Christi, Kreuzigung Christi
Medium:Tafelbild; Altarflügel
Material:Tempera
Bildträger:Holz (Fichte)
Maße: Höhe: 208,2/208,3 cm; Breite: 134,6/133,7 cm
Maße Anmerkungen:Die Tafel befindet sich nicht im rechten Winkel, weshalb die Maßangaben variieren. Die Höhe ist links mit 208,2, rechts mit 208,3 cm angegeben; die Breite beträgt oben 134,6, unten 133,7 cm.
Ikonografische Bezeichnung:Geißelung Christi
Iconclass:73D351 – flagellation by soldiers, Christ usually tied to a column (Matthew 27:26; Mark 15:15; John 19:1)
Signatur Wortlaut:R F
Datierung Wortlaut:1491
Signatur/Datierung Position:monogrammiert, datiert: auf den Bodenfliesen der vorderen Bildebene
Auftraggeber/Stifter:nicht bekannt
Provenienz:ursprünglich Teil der Flügeltafeln des Salzburger Passionsaltars (gesamt acht Altartafeln); 1775 in der Salzburger Residenz dokumentiert; 1807 in der Kaiserlichen Galerie Wien; 1934 Abspaltung der Geißelung Christi von der Rückseite (Geburt Christi); seit 1953 im Belvedere
Zugänglichkeit zum Entstehungszeitpunkt:öffentlich (vermutlich)

Zu technischen Details der Malerei,1 zur Provenienz.2

Verweise

  1. vgl. Futscher 2017, bes. 81↩︎

  2. Blauensteiner 2017, zu den Altarflügeln gesamt 89–117, zur Provenienz bes. 89–91, 109, zur Geißelung im Detail 109f.↩︎

Bildnis 1

Bildrechte
Lokalisierung im Objekt:links von Christus
Ausführung Körper:Ganzfigur stehend
Ausführung Kopf:Dreiviertelporträt
Ikonografischer Kontext:geißelnder Scherge in der Ikonografie der Geißelung Christi
Blick/Mimik:direkter Blick aus dem Bild
Gesten:hält mit der rechten Hand eine Geißel, mit der linken die Fessel von Christus
Körperhaltung:in einer angedeuteten Drehbewegung; rechter Arm erhoben und über dem Kopf angewinkelt; Kopf und Oberkörper auf Christus ausgerichtet
Interaktion/Raum-, Bildraumbeziehung/ Alleinstellungsmerkmal:bildet gemeinsam mit den weiteren Schergen einen Kreis um Christus; wenig von vorgelagerten Elementen (Christus, Geißelsäule, kniende Figur) überschnitten; durch den Blick, den Bewegungsradius und die Einsichtigkeit im linken Bildbereich dominant wirksam
Attribute:Geißel; Gurt mit Beutel und Waffe
Kleidung:rote Kappe
Zugeordnete Bildprotagonisten:Christus; weitere drei Schergen

Forschungsergebnis: Frueauf d. Ä., Rueland

Künstler des Bildnisses:Frueauf d. Ä., Rueland
Status:Einzelmeinung
Typ Autor/in Jahr Referenz Seite Anmerkungen
Erstzuschreibung Suckale 2009 Suckale 2009 – Die Erneuerung der Malkunst 406 -

Suckale (2009) listet eine Reihe nordischer Selbstdarstellungen auf, deren Identifikation über ihre roten Kappen gegeben sei. Im Zuge dieser Überlegungen führt der Autor in wenig definierter Ausführung auch ein Selbstbildnis Frueauf d. Ä. an, dieser „stellte sich in einer Tafel der Geißelung als Mittäter dar.“ Da Suckale im Vorfeld über den direkten Blick als Indiz für Selbstdarstellungen referiert, ist anzunehmen, dass er den aus dem Bild blickenden Mann im linken Bereich als Selbstporträt identifizieren will.1

Verweise

  1. Suckale 2009, 406.↩︎

Indizien ohne Beweiskraft

Wie Suckale zu Recht betont, bieten auf den Beruf weisende Attribute, wie die rote Kappe des Künstlers bzw. der direkte Blick aus dem Bild gängige Möglichkeiten der Identifikation von Selbstdarstellungen.1 Die vorliegende Thematisierung eines Selbstporträts von Rueland Frueauf d. Ä., die in der umfangreich gesichteten Literatur keine Resonanz erfuhr, kann weder verifiziert noch falsifiziert werden. Trotz aller Indizien erscheint die These allerdings sehr unwahrscheinlich, zumal es sich bei dem Schächer nicht um die einzige Figur handelt, die den Bildraum über ihren Blick in den BetrachterInnenraum ausweitet. Nicht weniger als drei Bildnisse blicken direkt aus dem Bild (der als Pilatus2 identifizierte Mann in der hintersten Bildebene links, der sehr gewollt durch den Freiraum zwischen den beiden vorgelagerten Figuren lugt und auf das Geschehen zeigt; der Mann am rechten Bildrand, der über seine erhobene Hand gestisch betont ist; das mutmaßliche Selbstporträt). Die auffällig inszenierte BetrachterInnenansprache kommt wohl einer Aufforderung der Gläubigen zur Kontemplation gleich.

Erschwert wird die Zuschreibung des mutmaßlichen Selbstporträts durch die breitgefächerten Angaben zur Biografie des Malers, der zwischen 1430 und 1450 geboren sein soll. Davon ableitend ergibt sich ein mögliches Alter für die Figur von zwischen 41 und 61 Jahren. Auch wenn es äußerst problematisch ist, wie im vorliegenden Fall von stilisierten Figuren auf das Alter von Porträts zu schließen, dürfte es sich bei dem zur Diskussion stehenden Bildnis eher nicht um eine Person über 40 Jahre handeln. Ein Vergleich mit der optischen Erscheinung von Christus, der in Passionsbildern oft im Alter von ca. 30 Jahren dargestellt ist, erhärtet dieses Fazit.

Wesentlichstes Argument für die Ablehnung der Selbstporträtthese liefern die zahlreichen im gesamten Passionsaltar angebrachten Signaturfragmente und Monogramme3 – in sieben Tafeln des Altars brachte Frueauf d. Ä. neun Selbstverweise an. In der Geißelung ist ein solcher über die Buchstabenfolge „R F“ im Fliesenboden vor dem Rutenbinder gegeben. Dies lässt sich nach Kohn, die das Werk des Frueauf-Kreises aus paläografischer Sicht betrachtet, dadurch erklären, dass sowohl „Signaturen als auch Datierungen nicht nur Herstellervermerke, sondern so etwas wie Mittel zur Selbstdarstellung“ für Frueauf d. Ä. gewesen sein dürften.4 Weniger logisch hingegen ist die Annahme, der Maler hätte dieses selbstreferenzielle System um eine Selbstdarstellung erweitert, die in keinerlei Zusammenhang mit diesen Zeichen steht. Hätte Frueauf d. Ä. im Falle eines Selbstporträts darauf verzichtet, dieses durch eine Parallelisierung mit einem Monogramm oder einer Datierung hervorzuheben, wie es in der Zeit üblich war und wie es nahestehende Maler praktizierten? Entsprechende Prozedere wandten etwa sowohl Vorläufer Conrad Laib5 in der Salzburger und in der Grazer Kreuzigung als auch Sohn und Werkstattmitglied Rueland Frueauf d. J.6 in der Tafel der Gefangennahme Johannes des Täufers an. In all diesen Fällen stehen Signaturen in unmittelbarer Nähe zu Selbstdarstellungen – in der Geißelung ist gegenteilig dazu keine Bezugnahme zwischen mutmaßlichem Selbstbildnis und Monogramm oder Datierung ersichtlich.

(Eine Verifizierung der bei Suckale zudem summarisch aufgelisteten möglichen Selbstdarstellungen in Geißelungsszenen – einer Ikonografie, die dem Autor wegen des inhärenten Potenzials für die Maler, Schuldbekenntnisse zu formulieren, als prädestiniert für Selbstbildnisse erscheint – wird für den Moment ausgesetzt. Es handelt sich hierbei um Szenen des Meisters des Angst-Altars7 und des Meisters der Jahreszahlen.8)

Verweise

  1. Ebd.↩︎

  2. Blauensteiner 2017a, 109.↩︎

  3. Zu Inschriften und Datierungen der Flügeltafeln gesamt vgl. u. a. Baldass 1946, 70; Kohn 2017, bes. 67; Pertschy 2017, 39f; Suckale 2009, 395.↩︎

  4. Kohn 2017, 67f, bes. 67.↩︎

  5. Zur Salzburger Tradition und Conrad Laib vgl. Blauensteiner 2017b, 38–40, zum Einfluss Laibs auf Rueland d. Ä. bes. 38, 46.↩︎

  6. Zu den biografischen Quellen Rueland Frueauf d. J. und der Frueauf-Werkstatt vgl. Grall 2017, 165–168.↩︎

  7. Meister des Angst-Altars, Geißelung Christi/Todesangst-Christi-Retabel, um 1490, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum. Mögliches Selbstporträt im Detail abgebildet in Suckale 2009, 406.↩︎

  8. Meister der Jahreszahlen, Geißelung und Dornenkrönung (Retabel von Striegau), 1486, Warschau, Muzeum Narodowe. Abbildung in ebd., 407.↩︎

Literatur

Baldass, Ludwig: Conrad Laib und die beiden Rueland Frueauf (Sammlung Schroll), Wien 1946.
Blauensteiner, Björn: Kat. 1. Rueland Frueauf d. Ä. Flügeltafeln des Salzburger Passionsaltars, um 1490/91, in: Rollig, Stella/Blauensteiner, Björn (Hg.): Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis (Ausstellungskatalog, Wien, 23.11.2017–11.03.2018), München u. a. 2017, 89–117.
Blauensteiner, Björn: Rueland Frueauf d. Ä. (um 1440/50–1507 Passau). Sein Leben, sein Werk und seine künstlerische Herkunft, in: Rollig, Stella/Blauensteiner, Björn (Hg.): Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis (Ausstellungskatalog, Wien, 23.11.2017–11.03.2018), München u. a. 2017, 19–50.
Futscher, Brigitte: Beobachtungen zu Bildgenese und Maltechnik bei Rueland Frueauf d. Ä. Einblicke in die Restaurierung seiner Salzburger Altartafeln, in: Rollig, Stella/Blauensteiner, Björn (Hg.): Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis (Ausstellungskatalog, Wien, 23.11.2017–11.03.2018), München u. a. 2017, 78–86.
Grall, Michael: Rueland Frueauf d. J., in: Rollig, Stella/Blauensteiner, Björn (Hg.): Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis (Ausstellungskatalog, Wien, 23.11.2017–11.03.2018), München u. a. 2017, 163–168.
Kohn, Renate: Die Werke des Frueauf-Kreises aus paläografischer Sicht, in: Rollig, Stella/Blauensteiner, Björn (Hg.): Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis (Ausstellungskatalog, Wien, 23.11.2017–11.03.2018), München u. a. 2017, 66–70.
Pertschy, Verena Angela: Gemäldetechnologische Studien zum Oeuvre von Rueland Frueauf dem Älteren und Rueland Frueauf dem Jüngeren. Basierend auf Infrarot- und Röntgenuntersuchungen (Dissertation, Universität Passau), Passau 2017.
Suckale, Robert: Die Erneuerung der Malkunst vor Dürer. Band 1, Petersberg u. a. 2009.