Anbetung der Hirten (Portinari-Altar)
Goes, Hugo van der
Italien; Florenz; Gallerie degli Uffizi
Inhaltsverzeichnis
Objekt
Bildrechte
| Detailtitel: | Anbetung der Hirten (Mitteltafel von: Portinari-Altar) |
| Titel in Originalsprache: | Portinari-Altaar |
| Titel in Englisch: | Portinari Atlarpiece; Adoration of the Shepherds; Adoration of the Shepherds with Angels |
| Datierung: | 1474 bis 1476/77 |
| Ursprungsregion: | altniederländischer Raum |
| Lokalisierung: | Italien; Florenz; Gallerie degli Uffizi |
| Lokalisierung (Detail): | Inventarnummer: 1890 /3191, 3192, 3193; Gesamt-Triptychon bestehend aus: Stiftertafel, Seite der Männer linker Flügel; Anbetung der Könige (Mitteltafel); Stiftertafel, Seite der Frauen (rechter Flügel) |
| Medium: | Altarbild; Tafelbild |
| Material: | Öl |
| Bildträger: | Holz |
| Maße: | Höhe: 249 cm; Breite: 300 cm |
| Maße Anmerkungen: | gesamtes Triptychon geöffnet inkl. Rahmen: 274 x 652 cm; Mitteltafel: 249 x 300 cm; Flügel: je 249 x 137 cm |
| Ikonografische Bezeichnung: | Geburt Christi; Anbetung der Hirten; Verkündigung an die Hirten |
| Iconclass: | 73B25 – adoration of the Christ-child by the shepherds; Mary and Joseph present |
| Signatur Wortlaut: | ohne |
| Datierung Wortlaut: | ohne |
| Inschriften: | PNSC und MV; Portalinschriften, über und rechts einer Harfe im Tympanon des Davidpalasts, rechts hinter dem Kopf Mariens; von Panofsky dechiffriert als „Puer Nascetur Salvator Christus“ und „Maria Virgo“ |
| Auftraggeber/Stifter: | Tommaso Folco d’Adoardo Portinari (Leiter der Medici-Filiale in Brügge) mit Maria Baroncelli (Gattin) |
| Provenienz: | bestimmt für die Familienkapelle der Familie Portinari (Kapelle Unsere Liebe Frau) in der Kirche St. Jakob in Brügge; 1483 Aufstellung in der Hospitalskirche San Egidio, Santa Maria Nuova, Florenz; seit 1899 in den Gallerie degli Uffizi, Florenz |
| Zugänglichkeit zum Entstehungszeitpunkt: | privat |
Bildnis 1
Bildrechte
| Lokalisierung im Objekt: | Figur hinter dem vierten Hirten rechts außen |
| Ausführung Körper: | Kopfbild |
| Ausführung Kopf: | annähernd im Profil |
| Ikonografischer Kontext: | die Figur folgt einer Gruppe von Hirten, sie scheint mit dieser über den Bewegungsablauf verbunden, ohne selbst ein Hirte zu sein; der Mann hat keine offensichtlichen ikonografischen Funktionen |
| Blick/Mimik: | auffällig markanter Blick Richtung rechts vorne; Gesicht nur partiell sichtbar |
| Gesten: | Hände nicht sichtbar |
| Körperhaltung: | Körper nicht sichtbar |
| Interaktion/Raum-, Bildraumbeziehung/ Alleinstellungsmerkmal: | an einer Bildschwelle zwischen Vordergrundhandlung und Hintergrund im Mittelgrund verankert; in einem kaum nachvollziehbaren Raumgefüge; die Figur folgt dem Zug der Hirten, ihre Bewegungsrichtung impliziert Raum zum letzten Hirten (als würden sie eine Kurve laufen), dennoch fehlende perspektivische Verkleinerung des Kopfes; gemeinsam mit dem vierten Hirten die einzige Figur im gesamten Altar in einer Dimension zwischen monumentalen Vordergrundfiguren und kleinen Hintergrundgestalten; zum großen Teil von den Hirten überschnitten; durch eine zeitgenössische Kopfbedeckung von den Hirten unterschieden; kompositorisch an den letzten Engel im rechten unteren Eck anknüpfend, der sich ebenfalls hinter einer um eine Figur erweiterten Gruppe befindet und sich ebenfalls von dieser unterscheidet (dieser Engel trägt keinen Kopfschmuck); korrespondiert in der Ausrichtung des Profils mit der Figur des hl. Joseph |
| Zugeordnete Bildprotagonisten: | Hirten (drei Hirten bei der Szene im Stall und ein vierter dahinter) |
Forschungsergebnis: Goes, Hugo van der
| Künstler des Bildnisses: | Goes, Hugo van der |
| Status: | kontrovers diskutiert |
| Andere Identifikationsvorschläge: | ein weiterer Hirte |
| Typ | Autor/in | Jahr | Referenz | Seite | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Erstzuschreibung | Koster | 2003 | Koster 2003 – New Documentation for the Portinari | 171 |
DetailsKosters Erstzuschreibung ist mehr eine Thematisierung als eine Identifikation.
|
| Bejahend | Koster | 2008 | Koster 2008 – Hugo van der Goes | 88 | - |
| Skeptisch/verneinend | Kapfer | 2008 | Kapfer 2008 – Überlegungen zu den Bildnissen | 54f, 70 | - |
| Bejahend | Franke | 2012 | Franke 2012 – Raum und Realismus | 265, 273f | - |
2003 macht Koster auf Basis von gemäldetechnologischen Untersuchungen erstmals auf die nach rechts ausgerichtete Profilfigur hinter den Hirten aufmerksam. Der Mann, der über seine Kopfbedeckung als zeitgenössische Figur erkennbar ist und folglich nicht den Hirten zugeordnet werden kann, verfüge über keine narrative Funktion, „it might be a portrait but seems too inconsequential.“ In einem anschließenden Vergleich bringt Koster den Protagonisten mit dem mutmaßlichen Selbstbildnis von van der Goes in der Rolle des hl. Nikodemus in der Beweinung Christi und mit der Goes’schen Lukasdarstellung1 in Zusammenhang und betont, dass sich gerade letztere Figur für Selbstdarstellungen besonders geeignet hat. Damit impliziert Koster die Möglichkeit einer Selbstdarstellung im Portinari-Altar, ohne eine solche direkt anzusprechen:
„The figure of Nicodemus in the […] Vienna Lamentation has long been thought to be a probable self-portrait. He has the same prominent, sharp nose, dark hair and piercing gaze as the figure behind the shepherds. Also intriguing is his resemblance to what seems to be a faithful copy of a painting by Van der Goes of St Luke. […] [It] was a suitable figure on which to project a self-portrait without the risk of blasphemy.“2
2008 zitiert Kapfer Kosters Überlegungen und nimmt die Figur, ohne sie weiter zu kommentieren, jedoch mit dem Hinweis auf die fehlende ausdrückliche Identifizierung in ihre Zusammenstellung möglicher Selbstbildnisse auf.3
Franke, die in ihren Forschungen den Fokus auf Selbstdarstellungen von van der Goes in der Rolle von Hirten legt, beruft sich 2012 auf Koster und bestätigt die Deutung als Selbstporträt mit Vorbehalt. Franke vergleicht die Position des Bildnisses mit jener Kommentarfigur im Gefolge der Anbetung der Könige vor dem Stall, die ebenfalls eine zeitgenössische Kopfbedeckung trägt und in der die Autorin auch eine Selbstdarstellung vermutet. Weiterführend bestätigt Franke die „zeitgenössische Rolle“ der Figur im Portinari-Altar unter Bezugnahmen auf Mysterienspiele und die daraus abzuleitenden, üblichen Darstellungskonventionen: Entsprechend der Bildtradition finden sich zwei oder drei Hirten in Anbetungsszenen – nach überlieferten Beschreibungen von Mysterienspielen sind vier Hirten möglich.4 Für den fünften Hirten finde sich folglich keine Grundlage. Dies und der Fakt, dass das Bildnis trotz seiner Nähe zur Gruppe der Hirten nicht als solcher charakterisiert ist, deute auf ein zeitaktuelles Porträt hin. Die Einfügung in die Reihe der Hirten bringt Franke mit den mystischen Lehren der Zeit (insbesondere mit den Predigten von Bernhard von Clairvaux) in Verbindung und mit der damit einhergehenden populären Rolle der Hirten bei der Geburt Christi.5 Interpretiert man das Bildnis als Selbstporträt, so weist es nach Franke auf die Glaubenseinstellung des Malers hin: „Deutet man die Figur als Selbstporträt Hugo van der Goes’, ist ein Beleg dafür gefunden, dass er die in seinen Bildern propagierte neue Frömmigkeit als Ergebnis seiner besonderen Spiritualität auch selbst lebte.“6
Verweise
Vgl. den Einführungstext zu Hugo van der Goes.↩︎
Koster 2003, 171; ähnlich in: Koster 2008, 88.↩︎
Kapfer 2008, 54f, 70.↩︎
Franke verweist in dem Zusammenhang auf Arnould Grébans Mystère de la passion, eine Überlieferung spätmittelalterlicher Laienspiele, in der von vier Hirten die Rede ist, die in der Nacht vor Christi Geburt Einblick in ihr Leben geben. Vgl. Gréban, 66, zitiert nach Franke 2012, 265.↩︎
Franke 2012, 273.↩︎
Ebd., 274.↩︎
Zu guter Letzt
Der Portinari-Altar ist das einzige erhaltene mehrteilige Werk von Hugo van der Goes. Erneut lassen sich, wie bei van der Goes üblich, Bezüge zu Vorgängern, insbesondere zu Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und Petrus Christus festmachen.1 Neben dem Genter Altar zählt das Portinari-Retabel zu den monumentalsten Bildwerken der Niederlande der Zeit. Zwei Besonderheiten des Altars bedingen eine intensive fortuna critica: nämlich der Export nach Florenz, folglich in die Heimat des Stifters,2 der eine weitreichende Rezeption auslöste,3 und die herausragende Darstellung der Hirten in „bis dato nicht gekannter Lebensnähe und emotionaler Gestik“:4 „Das Volk, ‚der dritte Stand‘, die Hirten drängen sich zum Heil,“5 bemerkt Friedländer bereits 1916. „Das Volk nimmt Einzug in die Kunst“,6 schreibt Winkler 1964. „Sie [die Hirten] werden […] so beschrieben, als würde das Ereignis mit lebenden Personen aus dem Volk spontan und lustvoll aufgeführt“,7 vermerkt Belting. Ein neuer „Menschentyp“ kommt auf, in ihm „spiegelt sich eine pathetische ,pietas‘ von unerhörter, überwältigender Ausdruckskraft“,8 betont Castelranchi Vegas. Panofsky nimmt die Hirten gar zum Anlass, den Altar mit Beethovens Neunter Symphonie zu vergleichen: „Das Hereinbrechen der berühmten Schäfer […] kommt dem überraschenden Eindringen der menschlichen Stimme in den Klang der Instrumente bei Beethoven gleich.“9
So umfassend und überschwänglich die Hirtenfiguren bis heute bedacht werden (die Reihe der Kommentare ließe sich beliebig weiterführen), so wenig Beachtung fand die kleine Profilfigur hinter der Szene – wenn überhaupt ist sie nur am Rande erwähnt, wie etwa bei Dhanens, die nach einer emotionalen Beschreibung der vorderen Hirten den Kopf eines fünften aufzählt: „un petit morceau de la tête d’un cinquième.“10
Die von Koster und Franke überzeugend dargelegte fehlende Zuordenbarkeit zur Ikonografie der Hirten und die damit einhergehende mangelnde narrative Funktion der Gestalt stellen Interpretationsspielraum bereit. Bei den Vorschlägen zur Identifizierung als Selbstdarstellung handelt es sich jedoch um durchwegs vorsichtig formulierte Vermutungen – um ein In-den-Raum-Stellen der Möglichkeit. Innerbildliche Bezugnahmen, wie etwa eine gewisse formale Übereinstimmung mit der Figur des Joseph in der vorderen linken Ecke (Ausrichtung des Kopfs, Formulierung nahezu im Profil, Ähnlichkeiten der markanten Nasen) lassen sich als Basis weiterer Überlegungen heranziehen. Van der Goes könnte intendiert haben, über die kleine Figur die BetrachterInnenansprache, die vom Heiligen im Vordergrund ausgeht, hinter der Szene abzuschließen – sollte es sich dabei um ein Selbstporträt handeln, würde er selbst zusammen mit Joseph die heilige Handlung einklammern. Die bereits von Winkler festgestellte einzigartige Tiefenwirkung des Gemäldes, die sich aus hintereinander gestaffelten Bildelementen ergibt,11 ist eine Besonderheit der Tafel. Mit dem kleinen Mann (der Selbstdarstellung?) könnte van der Goes genau diese Qualität betont haben. Er könnte die nach hinten gestaffelten Protagonisten mit der letzten, sehr reduzierten Figur wie mit einem „Rufezeichen“ hinter einer Aufzählung abgeschlossen haben.
Die Verlockung ist groß, der Figur den Status einer Selbstdarstellung zuzusprechen. Allerdings handelt es sich bei allen die These befürwortenden Argumenten um reine, vom Bild abgeleitete Indizien, die eine zweifelsfreie Verifizierung der Selbstporträttheorie nicht zulassen.
Verweise
Details zu Auftragssituation, Funktion und Konzeption des Altars sowie zu Vorbildern (bes. Rogier van der Weyden, Bladelin-Altar, 1445–50, Berlin, Gemäldegalerie; Petrus Christus, Geburt Christi, 1460er Jahre, Washington, National Gallery of Art; Gebrüder van Eyck, Genter Altar) bietet neben vielen anderen Franke 2021. Eine detaillierte Analyse von Vorbildern und Bezugnahmen erarbeitet u. a. Ridderbos 2005, 100–125; Ridderbos 2008, bes. 58–63. Sander verweist zudem auf die Vorbildwirksamkeit eines Wandbildes im Groot Vleeshuis in Gent, vgl. Sander 1992, 215–220.↩︎
Ausführliche Informationen zu den Stiftern u. a. bei Heller 1976, 118–124.↩︎
Im Zusammenhang mit der Selbstporträtforschung ist dies im Besonderen die Übernahme und Weiterentwicklung der Hirtenfiguren durch Domenico Ghirlandaio im Tafelbild mit der Anbetung der Hirten in Santa Trinita. Zur Rezeption des Portinari-Altars bzw. zum Einfluss von van der Goes in Italien vgl. u. a. Castelfranchi Vegas 1994, 193–234, bes. 200, 227–234.; Koster 2002, bes. 89f; Rohlmann 2008, 66–83, zur Vorbildwirkung für Ghirlandaio bes. 72–75. Einen umfangreichen Beitrag zum Portinari-Altar bietet u. a. Dhanens 1998, 250–301, zur Rezeption im Norden und Süden bes. 298-301. Zum Stifter und seiner sozialen Positionierung im Zusammenhang mit der Auftragssituation und der Funktion des Altars vgl. u. a. Franke 2007/2008. Zum Aufstellungsort des Retabels und dem Zusammenhang von Stifter und Ikonografie vgl. Franke, die einen funktionsbedingten Zusammenhang herausarbeitet, den Altar als Werkzeug von Sakramentskult festschreibt. Schlie 2002, 137–149.↩︎
Franke 2021.↩︎
Friedländer 1916, 45.↩︎
Winkler 1964, 25.↩︎
Belting sieht die Hirten als hyperrealistisch gemalte Identifikationsfiguren für die RezipientIn, die Handlung des Gemäldes weiterführend als ein erlebbares Ereignis, vgl. Belting 1994, bes. 117f.↩︎
Castelfranchi Vegas 1994, 228.↩︎
Panofsky (hg. von Sander/Kemperdick 2001), 338.↩︎
Dhanens 1998, 279.↩︎
Winkler 1964, 27.↩︎
Literatur
Zitiervorschlag:
Krabichler, Elisabeth: Anbetung der Hirten (Katalogeintrag), in: Metapictor, http://explore-research.uibk.ac.at/arts/metapictor/katalogeintrag/goes-hugo-van-der-anbetung-der-hirten-portinari-altar-1474-bis-1476-77-florenz-gallerie-degli-uffizi/ (06.02.2026).