Abschied des hl. Augustinus von Rom
Gozzoli, Benozzo
Italien; San Gimignano; Chiesa di Sant‘Agostino
Inhaltsverzeichnis
Objekt
Bildrechte
| Detailtitel: | Abschied des hl. Augustinus von Rom (Teil von: Szenen aus dem Leben des hl. Augustinus) |
| Alternativtitel Deutsch: | Der hl. Augustinus verlässt Rom; Abreise des hl. Augustinus nach Mailand |
| Titel in Originalsprache: | La partenza di Sant’Agostino da Roma |
| Titel in Englisch: | Saint Augustine’s departure from Rome; Saint Augustine’s departure for Milan |
| Datierung: | 1465 |
| Ursprungsregion: | italienischer Raum |
| Lokalisierung: | Italien; San Gimignano; Chiesa di Sant‘Agostino |
| Lokalisierung (Detail): | Chor; rechte Seitenwand, untere Zone, rechtes Bild |
| Medium: | Wandbild |
| Material: | Fresko |
| Bildträger: | Wand |
| Ikonografische Bezeichnung: | Abschied des hl. Augustinus von Rom (keine Bezeichnung der Szene in LCI auffindbar) |
| Iconclass: | 11H(...)4 – male saints (with NAME) - non-miraculous activities and events ~ male saint; 11H(AUGUSTINE) Augustine, bishop of Hippo; possible attributes: arrows piercing his breast, book, child with spoon, flaming heart, heart (pierced with arrows), pen |
| Signatur Wortlaut: | BENOTIUM |
| Datierung Wortlaut: | M.CCCC.LXV |
| Signatur/Datierung Position: | signiert, datiert: auf einer von Engeln gehaltenen Schriftrolle oberhalb der Szene |
| Inschriften: | ELOQUII SACRI DOCTOR PARISINUS ET INGENS / GEMIGNANIACI FAMA DECUSQUE SOLI / HOC PROPRIO SUMPTU DOMINICUS ILLE SACELLUM / INSIGNEM IUSSIT PINGERE BENOTIUM. M.CCCC.LXV; auf einer von Engeln gehaltenen Schriftrolle oberhalb der Szene; Jener Dominikus, Pariser Doktor der heiligen Beredsamkeit, eine große Berühmtheit und Zierde das Bodens von San Gimignano, hat auf eigene Kosten dieses Heiligtum von dem berühmten Benozzo ausmalen lassen. 1465. (Übersetzung durch d. V.) |
| Inschriften/Signatur/Datierung weitere Ausführungen: | Die Signatur und die Datierung befinden sich in einer den Stifter ehrenden Inschrift. |
| Auftraggeber/Stifter: | Fra Domenico Strambi (Augustinermönch und Gelehrter; Patron der Chorkapelle) |
| Provenienz: | in situ |
| Zugänglichkeit zum Entstehungszeitpunkt: | öffentlich |
Bildnis 1
Bildrechte
| Lokalisierung im Objekt: | zweite Figur von rechts |
| Ausführung Körper: | Ganzfigur stehend |
| Ausführung Kopf: | Dreiviertelporträt |
| Ikonografischer Kontext: | Figur ist Teil der Menschenmenge, welche den hl. Augustinus begleitet |
| Blick/Mimik: | Blick aus dem Bild nach rechts unten in den BetrachterInnenraum |
| Gesten: | die Linke deutet auf das Bildgeschehen; die Rechte teilweise im Gewandschlitz verborgen |
| Körperhaltung: | im Kontrapost; leicht zum rechten Bildrand hin vom Geschehen abgewandt; Kopf leicht nach links gerichtet |
| Interaktion/Raum-, Bildraumbeziehung/ Alleinstellungsmerkmal: | Figur befindet sich am vordersten Bereich der Bildbühne; sie wird vom rechten Bildrand leicht überschnitten; ihr linker Ellbogen ist nicht sichtbar; diese Überschneidung erhöht den Bühneneffekt der Darstellung; durch ihre auffallende Kleidung bildet die Figur einen markanten Abschluss der Gruppe um den hl. Augustinus; sie selbst überschneidet zwei Figuren hinter ihr; von der linken Figur sind nur die Beine, Umrisse des Oberkörpers und das Gesicht sichtbar; von der rechten Figur sind die Beine und nur ein Teil des Gesichts sichtbar |
| Kleidung: | auffallend leuchtend rot gefärbte zeitgenössische Kleidung eines Würdenträgers |
| Zugeordnete Bildprotagonisten: | Figur befindet sich in einer Dreiergruppe am rechten Bildrand; diese korrespondiert mit einer Dreiergruppe am linken Bildrand |
Forschungsergebnis: Gozzoli, Benozzo
| Künstler des Bildnisses: | Gozzoli, Benozzo |
| Status: | weitgehend anerkannt |
| Typ | Autor/in | Jahr | Referenz | Seite | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Erstzuschreibung | Hatfield | 1976 | Hatfield 1976 – Botticelli's Uffizi Adoration | 100 (Anm. 113) | - |
| Bejahend | Ronen | 1988 | Ronen 1988 – Gozzoli’s St | 77 | - |
| Bejahend | Acidini Luchinat | 1994 | Acidini Luchinat 1994 – Benozzo Gozzoli | 3 | - |
| Bejahend | Ahl | 1996 | Ahl 1996 – Benozzo Gozzoli | 124f | - |
| Bejahend | Roettgen | 1996 | Roettgen 1996 – Wandmalerei der Frührenaissance in Italien | 375 | - |
| Bejahend | Padoa Rizzi | 1997 | Padoa Rizzo 1997 – Benozzo a San Gimignano 1464–1467 | 55 | - |
| Bejahend | Marchand | 1998 | Marchand 1998 – The Representation of Citizens | 116 | - |
| Bejahend | Oppitz | 1998 | Opitz 1998 – Benozzo Gozzoli | 7 | - |
| Bejahend | Marchand | 2004 | Marchand 2004 – Gebärden in der Florentiner Malerei | 232 | - |
| Bejahend | Rejaie | 2006 | Rejaie 2006 – Defining Artistic Identity | 126f | - |
| Bejahend | Burg | 2007 | Burg 2007 – Die Signatur | 379 (Anm. 330) | - |
| Bejahend | Klamt | 2011 | Klamt 2011 – Opus Benotii | o. S. | - |
| Bejahend | Dombrowski | 2013 | Dombrowski 2013 – Imagination und Invention | 79 | - |
1976 erwähnt Hatfield das Selbstbildnis Gozzolis in der Figur am rechten Bildrand und setzt es in einen Zusammenhang mit den Selbstdarstellungen Botticellis in der Anbetung der Könige und Ghirlandaios in der Vertreibung Joachims aus dem Tempel. Er erkennt in den Gemeinsamkeiten von Positionierung, Blick und Pose schon feste Konventionen für ein Künstlerselbstbildnis, welche später von Sandro Botticelli in der Anbetung in den Uffizien aufgegriffen wurden.1
1988 vermutet Ronen in dem Selbstporträt am rechten Bildrand eine Art bildhafte Signatur, „his pictorial signature“,2 in der letzten der ausgeführten Szenen. Er bemerkt, dass der Künstler älter erscheint als auf dem signierten Selbstporträt der Medici-Kapelle. Für die Erstidentifikation gibt er Cavalcaselle und Crowe an.3
1994 vermutet Acidini Lucinat in der Figur, die aus dem Bild herausblickt, ein Selbstporträt. Sie begründet ihre Vermutung nicht weiter.4
1996 sieht Ahl in der Figur im rechten Vordergrund ein Selbstbildnis des Künstlers. Sie stellt es in einen Zusammenhang mit der Schriftrolle oberhalb, welche den Wert des Künstlers und den Ruhm des Stifters bezeugt, und den Engeln, welche sie an antike Viktorien erinnern. Sie erkennt in diesem ikonografischen Instrumentarium von Inschrift und geflügelten Wesen einen eindeutigen Antikenbezug, den schon Ghiberti auf seiner Arca dei tre Martiri verwendet habe.5 Ein weiterer Hinweis auf den Wert, den Gozzoli seinem Bildnis und somit sich selbst zumaß, ist für sie die Tatsache, dass der ansonsten recht zügig malende Künstler allein für diese Ganzfigur ein volles Tagwerk benötigte.6
Roettgen sieht 1996 in der „Figur ganz rechts außen mit rotem Rock und roter Kappe“ ein Selbstbildnis Gozzolis. Sie bemerkt den hinweisenden Gestus der Figur und stellt Ähnlichkeiten zu den Selbstbildnissen der Medici-Kapelle fest.7
1997 thematisiert Padoa Rizzi ein ganzfiguriges Selbstbildnis Gozzolis im Vordergrund rechts. Sie betont die sorgfältige Ausführung des Bildnisses und die „humanistische Würde“, die es ausstrahlt. Für sie hat es vor allem die Funktion, das Werk selbstbewusst als sein eigenes zu beglaubigen, zu „besiegeln“, „siglò orgogliosamente il proprio lavoro“.8 2002 stellt sie das Selbstbildnis in Bezug zu denen in Orvieto und in der Cappella Medici. Sie erkennt den gleichen durchdringenden Blick auf allen Darstellungen, wobei die älteren beiden den Künstler würdevoller und in professioneller Pose zeigen.9 2003 untermauert sie ihre These der Beglaubigung noch mit der Tatsache, dass dieses Bildfeld als letztes ausgeführt wurde, und mit der Erwähnung seines Namens in der Inschrift des Gemäldes.10
1998 erkennt Opitz das Selbstporträt Gozzolis in der Figur am rechten Bildrand. Er fügt weder Argumente für seine Identifizierung an, noch belegt er sie.11
Marchand übernimmt 1998 seiner Meinung nach eine Identifizierung Gozzolis von Cavalcaselle und Crowe für eine Ganzfigur am rechten Bildrand.12 Ihn überzeugt die Ähnlichkeit der Physiognomie zum Selbstbildnis in der Medici-Kapelle, die auch andere ForscherInnen attestieren, „plausibel from the point of view of physiognomy this suggestion has since gained acceptance elsewhere.“13 Er führt seine Argumentation 2004 noch weiter aus: Auch die Position am Bildrand, das angedeutete Verweisen auf die Szene und der Blick aus dem Bild deuten für den Autor auf ein Selbstbildnis, welches die BetrachterInnen in den gesamten Freskenzyklus einführt. Er vergleicht diese Figur auch mit der des hl. Johannes im Fresko der Cavalcanti-Kapelle von Domenico Veneziano.14
2006 analysiert Rejaie mehrere Selbstbildnisse Gozzolis. Für ein Selbstbildnis in der Szene Augustinus Abschied von Rom spricht für sie die Ähnlichkeit zu demjenigen der Medici-Kapelle und die Erwähnung Gozzolis in der Inschrift des Bildes.15 Sie präzisiert nicht genauer, um welche Figur es sich handelt, aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte auch sie von der Figur am rechten Bildrand ausgehen.
2007 erwähnt Burg die „Figur mit rotem Umhang und roter Kappe am rechten Bildrand“ als Selbstporträt und stellt es in den Konnex zur Stifterinschrift auf dem Bild, die auch den Maler benennt.16
2011 erkennt Klamt den Status des Selbstporträts am rechten Bildrand als „unumstritten“ an. Er stellt es in die Gruppe der Selbstbildnisse, die den/die BetrachterIn in das Bild hineinführen und somit Albertis Forderungen nach einer ins Bild einführenden Figur entsprechen.17
2013 vergleicht Dombrowski das Selbstporträt Gozzolis in S. Agostino mit demjenigen von Sandro Botticelli in der Anbetung der Könige der Uffizien. Dabei stellt er fest, dass sich die Figur Gozzolis ebenfalls am rechten Rand der vordersten Bildebene befindet und gleichsam „aus der Reihe tanzt“ wie die Botticellis. Sie sei aber weniger in das Geschehen integriert und ihre Bewegung wirke im Vergleich zum Rest des Bildpersonals „anormal“, sie fungiere mehr als Regisseur, denn als Akteur der Handlung.18
Verweise
Hatfield 1976, 100 (Anm. 113).↩︎
Ronen 1988, 77.↩︎
Ebd., 114 (Anm. 7). Cavalcaselle und Crowe identifizieren allerdings nicht die gut sichtbare Figur vorne, sondern die stark überschnittene Figur links dahinter mit dem Künstler. Siehe dazu auch Selbstbildnis 2 in diesem Katalogbeitrag.↩︎
Acidini Luchinat 1994, 3, Bildunterschrift zu Abb. 1.↩︎
Ahl 1996, 302 (Anm. 36).↩︎
Ebd., 140.↩︎
Roettgen 1996, 375.↩︎
Padoa Rizzo 1997, 55.↩︎
Padoa Rizzo 2002, 38.↩︎
Padoa Rizzo 2003, 141.↩︎
Opitz 1998, 7, Bildunterschrift zu Abb. 1.↩︎
Marchand 1998, 116. Siehe dazu Anm. 32.↩︎
Ebd.↩︎
Marchand 2004, 232.↩︎
Rejaie 2006, 126f (Anm. 9).↩︎
Burg 2007, 379 (Anm. 330).↩︎
Klamt 2011, o.S.↩︎
Dombrowski 2013, 79.↩︎
Bildnis 2
Bildrechte
| Lokalisierung im Objekt: | dritte Figur von rechts |
| Ausführung Körper: | Ganzfigur stehend |
| Ausführung Kopf: | Dreiviertelporträt |
| Ikonografischer Kontext: | Figur ist Teil der Menschenmenge, welche den hl. Augustinus begleitet |
| Blick/Mimik: | Blick aus dem Bild nach links unten |
| Gesten: | Hände nicht sichtbar |
| Körperhaltung: | leicht nach links gewendet |
| Interaktion/Raum-, Bildraumbeziehung/ Alleinstellungsmerkmal: | schließt die Dreiergruppe am rechten Bildrand nach links ab; stark überschnitten von der Figur rechts |
| Kleidung: | zeitgenössische Kleidung, hohe Kopfbedeckung |
Forschungsergebnis: Gozzoli, Benozzo
| Künstler des Bildnisses: | Gozzoli, Benozzo |
| Status: | kontrovers diskutiert |
| Status Anmerkungen: | Zuweisung von Chellini übernommen |
| Andere Identifikationsvorschläge: | ein Mitarbeiter Gozzolis |
| Typ | Autor/in | Jahr | Referenz | Seite | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Erstzuschreibung | Cavalcaselle, Crowe | 1898 | Cavalcaselle, Crowe 1898 – Storia della pittura in Italia | 46f (Anm. 2) | - |
| Bejahend | Chellini | 1921 | Chellini 1921 – San Gimignano e Dintorni | 115 | - |
| Skeptisch/verneinend | Marchand | 2004 | Marchand 2004 – Gebärden in der Florentiner Malerei | 232 | - |
1898 glauben Cavalcaselle und Crowe in einer Figur mit hohem Barett, die links hinter dem Mann, der aus dem Bild blickt, erscheint und nur teilweise sichtbar ist, den Künstler zu erkennen: „Dietro a questa sta alla sua destra parte d’altra figura con alta berretta in capo, la quale guarda Agostino.“1 Sie beschreiben das längliche Gesicht mit dem markanten Kinn und dem durchdringenden Blick und argumentieren mit Ähnlichkeiten zum als Referenz dienenden Selbstbildnis der Medici-Kapelle.2
1921 lokalisiert Chellini in seinem Führer zu San Gimignano Figur mit dem hohen Barett, welche links hinter der frontal stehenden Figur in der rechten Ecke des Bildes steht, und erwähnt, dass sie mit dem Künstler identifiziert wird, ohne Quellen anzugeben. Er begründet diese Zuweisung auch nicht.3
2004 vermutet Marchand einen Assistenten in der Figur neben dem rotgekleideten Mann am rechten Rand, den er für Gozzoli hält. Er konstatiert also den Porträtcharakter der Figur und erklärt sich die Nähe zum Künstler mit dessen Funktion als Arbeitgeber: „Die Zuordnung zum Selbstbildnis des Werkstattleiters läßt annehmen, daß es sich hierbei um einen Assistenten handelt.“4
Bildnis 3
Bildrechte
| Lokalisierung im Objekt: | dritte Figur von links |
| Ausführung Körper: | Ganzfigur stehend |
| Ausführung Kopf: | Dreiviertelporträt |
| Ikonografischer Kontext: | Figur ist Teil der Menschenmenge, welche den hl. Augustinus beim Auszug begleitet |
| Blick/Mimik: | kommunizierender Blick zur Figur links von ihr |
| Gesten: | deutet auf die Figur links von ihr |
| Körperhaltung: | Figur steht frontal zum Betrachter; wendet den Kopf nach links |
| Interaktion/Raum-, Bildraumbeziehung/ Alleinstellungsmerkmal: | Figur schließt die Dreiergruppe im linken Bildvordergrund nach rechts ab; sie wird von der Figur links von ihr leicht überschnitten; sie selbst überschneidet den Reiter rechts von ihr; die roten Kopfbedeckungen der Personen im Vordergrund bilden eine Reihe bis zum rechten Bildrand; die Kopfbedeckungen der Figuren links ragen in die Stadtsilhouette dahinter |
| Zugeordnete Bildprotagonisten: | Figur gehört zu einer Dreiergruppe am linken Bildrand; ganze Dreiergruppe vorgeschlagen als Ratsherren, denen der Stifter verpflichtet war, von Marchand; jugendliche Figur in der Mitte der Dreiergruppe vorgeschlagen als Assistent Gozzolis von Prinz und Meller; Figur am linken Bildrand vorgeschlagen als Stifter von Prinz und Meller bzw. als Selbstporträt von Acidini Luchinat |
Forschungsergebnis: Gozzoli, Benozzo
| Künstler des Bildnisses: | Gozzoli, Benozzo |
| Status: | kontrovers diskutiert |
| Status Anmerkungen: | Die von Prinz übernommene Identifizierung wird lediglich von Meller übernommen, die übrigen AutorInnen gehen nicht auf sie ein. |
| Typ | Autor/in | Jahr | Referenz | Seite | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Erstzuschreibung | Prinz | 1966 | Prinz 1966 – Vasaris Sammlung von Künstlerbildnissen | 89f | - |
| Bejahend | Meller | 1974 | Meller 1974 – Two Drawings of the Quattrocento | 278 (Anm. 75) | - |
| Skeptisch/verneinend | Marchand | 1998 | Marchand 1998 – The Representation of Citizens | 126f (Anm. 30) | - |
| Skeptisch/verneinend | Marchand | 2004 | Marchand 2004 – Gebärden in der Florentiner Malerei | 232 | - |
Prinz identifiziert 1966 die rechte stehende Figur aus der Dreiergruppe am linken Bildrand mit Gozzoli. Weder belegt der Autor seine Zuweisung, noch liefert er Argumente. Er impliziert jedoch eine Ähnlichkeit zu Gozzolis Selbstbildnis in der Cappella Medicea, indem er diese beiden Darstellungen mit dem Vasari-Holzschnitt vergleicht, der auf ein inzwischen zerstörtes Fresko Gozzolis im Camposanto von Pisa zurückgehen soll. Prinz vermutet in der Figur des jungen Mannes in der Mitte der Dreiergruppe einen Mitarbeiter Gozzolis und in der Figur des älteren Herrn am linken Bildrand den Stifter. Es begründet seine Zuweisungen mit der Inschrift des Gemäldes, welche den Maler und den Stifter nennt.1
1974 vergleicht Meller mehrere Selbstporträts im Werk Gozzolis. Für die Fresken von S. Agostino übernimmt er die Zuweisungen von Prinz, jedoch ohne die Figur am linken Bildrand mit dem Stifter zu identifizieren. Meller betont die Verbindung von Künstler- und Gehilfenporträt, die für ihn auch in der Anbetung der Medici-Kapelle und auf der Szene des Turmbaus zu Babel im Camposanto von Pisa vorkommen.2
Marchand anerkennt 1998 den Porträtcharakter der drei stehenden Figuren am linken Bildrand, den Zuweisungen von Prinz kann er jedoch nicht folgen. Zwar besteht für ihn theoretisch die Möglichkeit, dass Gozzoli in der mittleren Figure einen seiner Assistenten verewigt haben könnte. Als Stifter jedoch kommt laut Inschrift nur der Patron der Kapelle, Fra Domenico Strambi, in Frage, welcher jedoch als Angehöriger des Ordens nur im Mönchshabit dargestellt werden dürfe. Die Physiognomie der rechten Figur der Gruppe entspräche außerdem nicht der des Selbstbildnisses aus der Medici-Kapelle, welches ein schlankeres und länglicheres Gesicht zeige, und sei folglich nicht mit dem Künstler zu identifizieren.3 2004 vermutet er in den Figuren der linken Dreiergruppe Porträts von Ratsherren, denen der Künstler verpflichtet war.4
Bildnis 4
Bildrechte
| Lokalisierung im Objekt: | erste Figur von links |
| Ausführung Körper: | Ganzfigur stehend |
| Ausführung Kopf: | Dreiviertelporträt |
| Ikonografischer Kontext: | Figur ist Teil der Menschenmenge, welche den hl. Augustinus begleitet |
| Blick/Mimik: | kommunizierender Blick zur Figur rechts daneben |
| Gesten: | rechte Hand in die linke gestützt, auf die Figur daneben verweisend |
| Körperhaltung: | zur Figur rechts daneben gewendet |
| Interaktion/Raum-, Bildraumbeziehung/ Alleinstellungsmerkmal: | Figur befindet sich am vorderen Rand der Bildbühne; sie wird links vom gemalten Dekorsystem des Bildes überschnitten; sie überschneidet die beiden Figuren rechts neben ihr |
| Kleidung: | auffallend dunkle Kleidung mit Pelzverbrämung |
| Zugeordnete Bildprotagonisten: | Figur gehört zu einer Dreiergruppe am linken Bildrand; mittlere Figur der Dreiergruppe als Assistent Gozzolis vorgeschlagen von Prinz und Meller; rechte Figur der Gruppe vorgeschlagen als Selbstporträt von Prinz und Meller; gesamte Gruppe als Ratsherren vorgeschlagen von Marchand |
Forschungsergebnis: Gozzoli, Benozzo
| Künstler des Bildnisses: | Gozzoli, Benozzo |
| Status: | Einzelmeinung |
| Status Anmerkungen: | Eventuell handelt es sich um eine falsche Übernahme der Zuweisung von Prinz 1966 durch Acidini Luchinat. Acidini Luchinat selbst vermutet 1994 ein Selbstbildnis in der Figur am rechten Bildrand (siehe Selbstbildnis 1). |
| Andere Identifikationsvorschläge: | Stifter |
| Typ | Autor/in | Jahr | Referenz | Seite | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Skeptisch/verneinend | Prinz | 1966 | Prinz 1966 – Vasaris Sammlung von Künstlerbildnissen | 89 | - |
| Erstzuschreibung | Acidini Luchinat | 1993 | Acidini Luchinat 1993 – Medici e cittadini nei cortei | 367 | - |
| Skeptisch/verneinend | Marchand | 1998 | Marchand 1998 – The Representation of Citizens | 126f (Anm. 30) | - |
| Skeptisch/verneinend | Marchand | 2004 | Marchand 2004 – Gebärden in der Florentiner Malerei | 232 | - |
1966 schätzt Prinz die Figur als Stifter ein.1
1993 thematisiert Acidini Luchinat ein Selbstporträt des Künstlers in der stehenden Figur mit dunklen Gewändern am linken Bildrand, welches von Vasari nicht erkannt worden sei „non riconoscendo il maestro nell'astante vestito di scuro a sinistra nella Partenza“.2 Sie sieht Ähnlichkeiten zum Bildnis Benozzos in der Medici-Kapelle, räumt aber gewisse Alterungserscheinungen ein. 1994 vermutet die Autorin wiederum ein Selbstporträt in der Szene, diesmal in der stehenden Figur am rechten Bildrand.3
Marchand bezieht sich 1998 bei den Zuweisungen der Dreiergruppe links nicht direkt auf Acidini Luchinat sondern auf Prinz. Dieser erkennt in der dunkel gekleideten Figur am linken Bildrand den Stifter, was Marchand aufgrund des fehlenden Mönchshabits widerlegen kann (siehe Selbstbildnis 3).4 Er selbst hält die stehende Figur in Rot am rechten Bildrand für das plausibelste Selbstbildnis.5 2004 stellt er die Vermutung auf, bei den Personen der Gruppe links könnte es sich um Ratsherren von S. Gimignano handeln.6
Der Künstler siegelt selbstbewusst sein Opus Magnum
1464 beauftragt der Gelehrte Fra Domenico Strambi, Doktor der Sorbonne und Mönch des Augustinerklosters in San Gimignano, den renommierten Künstler Gozzoli mit der Ausmalung der Chorkapelle der Klosterkirche, die dem Ordenspatron Augustinus geweiht ist. Die Fresken stellen Szenen aus dem Leben des heiligen Augustinus dar. Das Programm dazu stammt aus der Hand des Stifters, der sich zahlreicher Quellen bediente, vor allem der Confessiones des hl. Augustinus selbst, der Legenda Aurea und der Biografie des Possidius von Calama.1 Das relativ selten gemalte Thema erlaubt Freiheiten in der Ikonographie, wobei Gozzoli die Gelehrsamkeit des hl. Augustinus und seine Rolle als Ordensgründer in den Vordergrund stellt, wohl als direkte Anspielung auf die Gelehrsamkeit des Auftraggebers.2 Als Rezipienten der Bilder sind primär die in der Kapelle zum Chorgebet versammelten Mönche zu denken.
Das Bildfeld mit dem Abschied des hl. Augustinus aus Rom befindet sich an der rechten Seitenwand der Chorkapelle im untersten Register ganz rechts. In einer figurenreichen Szene reitet der Heilige in eine pelzverbrämte Gelehrtenrobe gehüllt aus der Stadt. Er trägt einen ebenfalls pelzverbrämten Doktorhut, was als Hinweis auf den Stand des Stifters gelesen werden kann. Eine große Menschenmenge begleitet ihn, bei den Figuren am vorderen Bildrand sind porträthafte Züge auszumachen. Vier von ihnen wurden als Selbstbildnisse thematisiert: die aus dem Bild blickende Figur am äußersten rechten Bildrand und die Figur mit hoher Kappe links daneben, in der gegenüberliegenden Gruppe die dunkel gekleidete Figur am linken Bildrand und die rechte Figur in Rot. Mengin vermutet ebenfalls das Vorhandensein eines Selbstporträts, wagt aber aufgrund des damals offenbar sehr schlechten Zustandes der Malereien aufgrund schlechter Restaurierungen keine präzise Zuweisung.3 Die meisten Autoren identifizieren die auffallende, in Rot gekleidete Figur der Gruppe am rechten Bildrand mit dem Künstler. Man darf gerade in der jüngeren Literatur davon ausgehen, dass diese auch dann gemeint ist, wenn sie nicht explizit beschrieben wird, so zum Beispiel bei Rejaie.4 Oberhalb der Szene halten Engel an goldenen Kordeln eine Rolle mit lateinischer Inschrift, auf der Stifter, der Maler und das Datum 1465 erwähnt sind. In der antikisierenden Rahmenarchitektur ist unten eine Inschrift angebracht, welche gleichfalls auf Latein den Bildinhalt beschreibt.
Mehrere Szenen des Freskenzylus in S. Agostino zeigen Figuren mit porträthaften Gesichtszügen. In der Kreuzigungsszene und in der Szene mit dem Tod der hl. Monika wird zum Beispiel ein Bildnis des Stifters Strambi vermutet. Da beide Male die Figur in der gemalten Rahmenleiste unten mit der Abbreviatur F. D. M. P. bzw. F.D.M.Par. für „Fra Domenico Magister Parisiensis“ bezeichnet wird, ist diese Zuweisung sehr plausibel. Auch die Figuren der Szene Abschied des hl. Augustinus von Rom zeigen offensichtlichen Porträtcharakter und vier von ihnen wurden mit dem Künstler selbst identifiziert. Es stellt sich die Frage, weshalb gerade in dieser Szene so viele ForscherInnen ein Selbstbildnis vermuten und welche dieser Zuweisungen sich am ehesten rechtfertigen lassen.
Fast allen Identifikationen gemein ist die postulierte Ähnlichkeit zum Referenzporträt Gozzolis in der Cappella Medici. Cavalcaselle und Crowe erkennen eine solche in der Figur, die sich links hinter der rotgewandeten Standfigur am rechten Bildrand verbirgt. Diese ist durchaus gegeben – Gozzoli kann einen gewissen Grundtypus für Gesichtsdarstellungen nicht verleugnen – aber nicht sehr frappant. Es ist auch schwer vorstellbar, dass ein Künstler selbstbewusst sein Porträt malt, um es dann hinter einer anderen Person zu verstecken, anstatt es prominent und gut sichtbar zu positionieren.
Prinz erkennt den Künstler in der rechten, ganz in Rot gekleideten Figur der Gruppe am linken Bildrand wieder. Es handelt sich dabei um eine etwas fülligere Version des Gozzoli aus der Medici-Kapelle. Prinz stellt einen Konnex zu den anderen Figuren der Gruppe her und sieht hier den Künstler mit Stifter und Assistenten dargestellt. In der Kombination von Stifter- und Künstlerbildnis sieht Prinz ein Muster, welches er auch bei dem Selbstbildnis Piero della Francescas in der Szene der Begegnung der Königin von Saba mit König Salomon wiederfindet.5 Diese Kombination scheint tatsächlich zu Beginn der Renaissance häufiger aufzutreten und ein Selbstbildnis zu legitimieren, zumal auch da Fabriano sich wahrscheinlich schon mit dem Auftraggeber Strozzi auf der Anbetung der Könige verewigt hat. Allerdings wurde gerade die Zuweisung der von Prinz als Stifter vermuteten Figur am linken Bildrand inzwischen von Marchand mit einem Hinweis auf die für einen Kleriker nicht adäquate Kleidung eindeutig widerlegt. Ein weiteres Gegenargument zur Identifikation mit dem Stifter besteht in der fehlenden Ähnlichkeit zu den zuvor schon erwähnten beiden Stifterbildnissen, die durch die Bildunterschriften eindeutig als solche bezeichnet sind. Die Assistenten-These wird wiederum von Meller aufgegriffen und weitergeführt, indem er auch bei den Wandmalereien im Camposanto von Pisa und in der Medici-Kapelle Gozzoli zusammen mit einem seiner Gehilfen zu erkennen glaubt. Er bekräftigt seine Vermutungen jedoch nicht durch Quellen oder Vergleiche.
Etwas ratlos macht die Identifizierung der in prachtvolle dunkle Kleidung gehüllten Figur am linken Bildrand als Künstlerporträt durch Acidini Luchinat. Sie kann durch die Stellung am Bildrand motiviert gewesen sein oder durch den diskreten Zeigegestus, der eine Rolle als Festaiolo evozieren könnte. Allerdings liegt in diesem Fall eine Deutung des Händespiels als Redegestus in kommunikativer Funktion näher.6 Eine Ähnlichkeit dieser Figur zu den anderen Selbstbildnissen Gozzolis, insbesondere in der Cappella Medicea, ist nur mit größter Mühe auszumachen, insbesondere die weißen Locken am Hinterkopf und die fülligen Wangenpartien lassen sich auch nicht „con un poco d’invecchiamento“7 erklären. Die Vermutung Marchands, dass es sich bei den Figuren am linken Bildrand um städtische Magistrate und Würdenträger handeln könnte, wirkt einleuchtender, zumal ein Konnex zur Stadt noch dadurch erzeugt wird, dass die Figuren direkt unterhalb einer Stadtlandschaft dargestellt sind, welche sie mit ihren Köpfen überschneiden.
Besonders evident ist jedoch die physiognomische Ähnlichkeit der Ganzfigur in Rot am rechten Bildrand mit dem attestierten Selbstbildnis der Medici-Kapelle, was inzwischen auch vom Gros der ForscherInnen so gesehen wird. Neben dieser Ähnlichkeit gibt es weitere Indizien, die für ein Selbstbildnis sprechen. Da ist zunächst die besondere malerische Sorgfalt, die der Künstler dieser einen Figur angedeihen hat lassen, indem er für sie ungewöhnlicherweise ein ganzes Tagwerk aufwendete.8 Dazu finden sich noch Parallelen in Position und Haltung zu anderen Künstlerselbstporträts, welche das Bildnis in eine Interpretationslinie bringen, die den Künstler in seiner Rolle als Festaiolo dingfest macht: die Positionierung am äußersten Rand des Bildes, der verhalten auf das Bildgeschehen verweisende Gestus oder der konzentrierte Blick aus dem Bild in den BetrachterInnenraum.9 Die auffallende Nicht-Interaktion mit dem Bildgeschehen betont noch diese Funktion eines Arrangeurs der Szene.10
Öfter wird in der Literatur auch die Inschrift des Gemäldes, welche den Namen des Künstlers enthält, thematisiert und mit dem Selbstbildnis in Zusammenhang gebracht. Die Inschrift auf der Schriftrolle versucht wie auch die illusionistische Rahmenarchitektur antike Bezüge herzustellen. Nicht nur die Majuskelschrift oder die Engel, die an klassische Viktorien erinnern, wirken antikisierend, sondern auch das Versmaß des Epigramms selbst, ein elegisches Distichon11, rekurriert auf die Antike. Charakteristika des Mittellateinischen wie Unsicherheiten in der Orthographie12, wie sie in der lateinischen Bildunterschrift noch zu finden sind, fehlen in der Stifterinschrift, was sich durch einen höheren sprachlichen Anspruch erklären lässt. Die Sperrstellung der Nomina und Attribute des lateinischen Textes wie „decus“, „gloriam“, „insignem“ erzeugt ein Netz von Wörtern des Bedeutungsfeldes „Ruhm“, in welches sich neben den Namen des Stifters und der Stadt auch der des Künstlers nahtlos einfügt. Mit dem Namen „Benotium“ endet auch das Epigramm, daran schließt sich nur noch die Datierung an. Diese prominente Endstellung des Künstlernamens verweist nicht nur dessen Prestige, sondern verleiht der Lobesdichtung gleichsam auch dokumentarischen Charakter.
Die Inschrift erscheint auf dem Bildfeld, welches chronologisch als letztes ausgeführt wurde und gleichzeitig den Zyklus räumlich nach unten rechts hin abschließt. Hier ein Selbstbildnis zu setzen, das zusammen mit der Inschrift als Beglaubigung und Signatur dient, scheint nachvollziehbar und erklärt die Zahl der vorgeschlagenen Selbstbildnisse. Wenn wir die Szenen des Zyklus nicht dem Laufe der Ereignisse nach, sondern in Leserichtung eines Dokumentes von links oben nach rechts unten lesen, erscheint die Positionierung der auffallend in Rot gekleideten Figur rechts unten nicht zufällig als Träger eines Selbstbildnisses gewählt, sondern vielmehr als leuchtendes Siegel, welches den gesamten Zyklus abschließt, gerade so wie der Name des Künstlers auch die Inschrift abschließt. Mit dieser Verbindung von Selbstbildnis und schriftlicher Identifizierung beweist Gozzoli, dass er zurecht als einer der selbstbewusstesten Künstler der Jahrhundertmitte gelten kann, „uno fra i più autoconsapevoli artisti italiani attivi attorno al 1450“.13
Verweise
Ahl 2001, 39.↩︎
Ahl 2021, o.S.↩︎
Mengin 1909, 83.↩︎
Rejaie 2006, 126f.↩︎
Prinz 1966, 79.↩︎
Cavalcaselle/Crowe 1898, 46; Marchand 1998, 118.↩︎
Acidini Luchinat 1993, 367.↩︎
Ahl 1996, 140.↩︎
Marchand 1998, 118.↩︎
Dombrowski 2013, 79.↩︎
Mengin 1909, 71.↩︎
Man denke an „Simacho“ für „Symmacho“, „prefecto“ statt „praefecto“ oder „philosofiam“ statt „philosophiam“.↩︎
Ames-Lewis 2003, 31.↩︎
Literatur
Zitiervorschlag:
Rupfle, Harald: Abschied des hl. Augustinus von Rom (Katalogeintrag), in: Metapictor, http://explore-research.uibk.ac.at/arts/metapictor/katalogeintrag/gozzoli-benozzo-abschied-des-hl-augustinus-von-rom-1465-san-gimignano-chiesa-di-santagostino/ (22.04.2026).