Inhaltsverzeichnis
Objekt
Bildrechte
| Detailtitel: | Thronende Madonna mit Kind (Mitteltafel von: Triptychon von Johannes dem Täufer und dem Evangelisten Johannes) |
| Alternativtitel Deutsch: | Mystische Hochzeit der hl. Katharina; Mystische Vermählung der hl. Katharina |
| Titel in Originalsprache: | Altaar van St. Johannes; Madonna en kind op de troon; Mystieke huwelijk van St. Catharina |
| Titel in Englisch: | St. John Altarpiece; Madonna and Child Enthroned; Mystical Marriage of St. Catherine |
| Datierung: | 1479 |
| Ursprungsregion: | altniederländischer Raum |
| Lokalisierung: | Belgien; Brügge; Sint-Janshospitaal (Memling-Museum) |
| Lokalisierung (Detail): | Inventarnummer: O.SJ0175.I |
| Medium: | Altarbild; Triptychon; Tafelbild |
| Bildträger: | Holz (Eiche) |
| Maße: | Höhe: 173,6 cm; Breite: 173,7 cm |
| Maße Anmerkungen: | linker Flügel 176 x 78,9 cm (mit Rahmen 193,2 x 97,1 cm); rechter Flügel 175,9 x 78,9 cm (mit Rahmen 193,3 x 97,3 cm); Mitteltafel 173,6 x 173,7 cm (mit Rahmen 193,5 x 194,7 cm) |
| Ikonografische Bezeichnung: | Maria, Marienbild; Johannes der Täufer (Baptista), der Vorläufer (Prodromos); Johannes der Evangelist (der Theologe); Katharina (Eikaterinê) von Alexandrien |
| Iconclass: | 11Q44 – mystic marriage |
| Signatur Wortlaut: | OPVS IOHANNIS HEMLING |
| Datierung Wortlaut: | ANNO MCCCLXXIX |
| Signatur/Datierung Position: | signiert, datiert: auf der unteren Rahmenleiste |
| Auftraggeber/Stifter: | vier leitende Geistliche des Johannes-Hospitals in Brügge: Jacob de Ceuninc (Bruder), Antheunis Seghers (Vermögensverwalter), Agnes Casembroods (Priorin), Clara van Hulsen (Schwester, zuständig für Almosen und Speisen); Stifter identifiziert von Weale 1871 |
| Provenienz: | 1479 als Retabel für den Hauptaltar der Kirche des Johannes-Hospitals geliefert; seither an verschiedenen Positionen im Johannes-Hospital |
| Zugänglichkeit zum Entstehungszeitpunkt: | öffentlich |
Bildnis 1
Bildrechte
| Lokalisierung im Objekt: | erste Figur von rechts im Mittelgrund |
| Ausführung Körper: | Ganzfigur stehend |
| Ausführung Kopf: | Dreiviertelporträt |
| Ikonografischer Kontext: | außerhalb der sacra conversazione; einer städtischen Hintergrundszene mit reger Tätigkeit rund um Weinfässer vorgelagert |
| Blick/Mimik: | Blick Richtung sakraler Vordergrundszene |
| Gesten: | Hände vor dem Körper |
| Körperhaltung: | aufrecht |
| Interaktion/Raum-, Bildraumbeziehung/ Alleinstellungsmerkmal: | an der Bildschwelle rechts außen, hinter einem Architekturelement des Sakralraums partiell verborgen, Füße von einer Landschaftsformation überschnitten; zwischen Vordergrundebene und Hintergrundhandlung im Mittelgrund; von als Landschaft definiertem Freiraum umgeben; Vertikalbewegung verschiedener Bildelemente aufnehmend (Säulenstellungen, Teppich, aufrechte Haltung der meisten Figuren); Szene hinter dem Porträt (Brügger Kraanplaats) evtl. in thematischem Zusammenhang; Parallelisierung mit einer weiteren Hintergrundszene am linken Bildrand |
| Kleidung: | monochrom schwarze Kleidung eines Mönchs (?) |
| Zugeordnete Bildprotagonisten: | evtl. eine weitere schwarz gekleidete Einzelfigur im hinteren Stadtbereich des linken Seitenflügels |
Forschungsergebnis: Memling, Hans
| Künstler des Bildnisses: | Memling, Hans |
| Status: | kontrovers diskutiert |
| Andere Identifikationsvorschläge: | Bruder Judocus (Josse) Willems, Weinmesser; Bruder Jacob de Ceuninc; Bruder Jan Floreins Van der Riist |
| Typ | Autor/in | Jahr | Referenz | Seite | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Erstzuschreibung | Kaemmerer | 1899 | Kaemmerer 1899 – Memling | 85 | - |
| Skeptisch/verneinend | Weale | 1901 | Weale 1901 – Hans Memlinc | 14f | - |
| Bejahend | Ring | 1913 | Ring 1913 – Beiträge zur Geschichte der niederländischen | 104 | - |
| Bejahend | Friedländer | 1939 | Friedländer 1939 – The Memling Exhibition at Bruges | 124 | - |
| Bejahend | Hall | 1963 | Hall 1963 – Portretten van Nederlandse beeldende kunstenaars | 204 | - |
| Skeptisch/verneinend | Corti/Faggin | 1969 | Corti, Faggin 1969 – L'opera completa di Memling | 87f | - |
| Skeptisch/verneinend | Blum | 1969 | Blum 1969 – Early Netherlandish Triptychs | 89 | - |
| Skeptisch/verneinend | Davies | 1970 | Davies 1970 – The National Gallery London | 42 | - |
| Skeptisch/verneinend | McFarlane | 1971 | McFarlane 1971 – Hans Memling | 11f | - |
| Skeptisch/verneinend | Faggin | 1973 | Faggin 1973 – Tout l'oeuvre peint de Memling | 87 | - |
| Skeptisch/verneinend | Van der Meer | 1978 | Meer 1978 – Apokalypse | 263 | - |
| Skeptisch/verneinend | Devos | 1994 | De Vos 1994 – Hans Memlinc | 474 | - |
| Skeptisch/verneinend | De Vos | 1994 | De Vos (Hg.) 1994 – Hans Memling | 78 | - |
| Skeptisch/verneinend | De Vos | 1994 | De Vos 1994 – Hans Memling | 156 | - |
| Skeptisch/verneinend | Thiemann | 1994 | Thiemann 1994 – Hans Memling | 94, 98 | - |
| Skeptisch/verneinend | Belting/Kruse | 1994 | Belting, Kruse (Hg.) 1994 – Die Erfindung des Gemäldes | 250 | - |
| Skeptisch/verneinend | De Vos | 1997 | De Vos 1997 – Questions concernant Memling | 4 | - |
| Skeptisch/verneinend | Lobelle-Caluwé | 1997 | Lobelle-Caluwé 1997 – Hans Memling | 46 | - |
| Skeptisch/verneinend | Ridderbos | 2005 | Ridderbos 2005 – Objects and Questions | 137 | - |
| Skeptisch/verneinend | Campbell | 2005 | Campbell 2005 – Memling und die Tradition | 52 | - |
| Skeptisch/verneinend | Michiels | 2007 | Michiels 2007 – Hans Memling | 114 | - |
| Bejahend | Salomon | 2009 | Salomon 2009 – Geertgen tot Sint Jans | 50–53 | - |
| Skeptisch/verneinend | Gigante | 2010 | Gigante 2010 – Autoportraits en marge | 118f, bes. 119 | - |
Für die Figur wurden verschiedene Identifizierungen vorgeschlagen. Es könnte Bruder Judocus (Josse) Willems (der Weinmesser),1 Bruder Jacob de Ceuninc2 oder Bruder Jan Floreins Van der Riist3 dargestellt sein.
Kaemmerer nimmt mit folgender Aussage 1899 die Erstidentifikation des hier besprochenen Selbstbildnisses vor: „In schlichter Brudertracht erscheint auch der Maler selbst im Mittelgrunde, bescheidentlich sich in gemessener Entfernung vom heiligen Bezirk haltend. Bisher nannte man diesen Zuschauer ebenfalls Floreins (Bruder Jan Floreins), aber seine etwas derben Gesichtszüge stimmen viel eher zu dem Selbstporträt Memlings auf dem Triptychon zu Chatsworth (Donne-Altar).“4 Diese Festschreibung der Figur als Selbstbildnis, die auf physiognomische Ähnlichkeiten mit einer eventuellen Selbstdarstellung im Donne-Altar abzielt, nimmt bereits eine spätere Forschungsdiskussion vorweg: die vielfach unterschiedlich thematisierte Zuschreibung des Porträts als geistliches Mitglied des Johannes-Hospitals in Brügge (s. u.).
Daneben vergleichen Autoren die vorgeschlagene Selbstdarstellung mit dem Bildnis im Donne-Altar, so etwa Ring (1913), der die beiden Bildnisse in kompositorischen Zusammenhang bringt. Ring verweist auf die ähnlich zurückhaltenden, halb verborgenen Positionen der beiden Männer und interpretiert diese als Verweise auf Memlings Wissen um das decorum – der Maler habe sich „in den Sitten der Großen wohl bewandert[…] respektvoll von den vornehmen Bestellern wie von der Hof haltenden Jungfrau zurückgehalten“.5
Auch Friedländer (1939) erörtert das Bildnis, das, wie er betont, zu Recht als Selbstporträt gewertet wird, mit Blick auf den Donne-Altar. Vom Bildnis ableitend rechnet der Autor Memlings Geburtsjahr auf kurz vor 1440 rück.6
Hall (1963) listet in seiner Aufzählung niederländischer Selbstdarstellung das Selbstporträt Memlings in der mystischen Vermählung der hl. Katharina und in der Johannestafel des Donne-Altars.7
Die nachfolgende Forschung äußert sich, bezugnehmend auf die mönchsartige Kleidung der Figur bzw. auf eine eventuelle thematische Interaktion mit der Szene dahinter, großteils skeptisch. So schließen etwa bereits Cort/Faggin (1969) oder Faggin (1973) die Identifizierung als Selbstinszenierung wegen der fehlenden Ähnlichkeit zum vorgeschlagenen Selbstporträt im Donne-Altar und der Bekleidung aus.8
Davies (1970), der zwar auf die Tradition der Selbstrepräsentation durch integrierte Selbstbildnisse bei den frühen niederländischen Malern verweist, schließt aus, dass es sich bei dem Mann im Johannes-Altar um eine Selbstdarstellung handelt. Im direkten Vergleich des Bildnisses mit der ähnlich gestalteten Figur im Donne-Altar arbeitet der Autor Abweichungen heraus (etwa die Farbe der Haare oder die der Augen) und kommt zu einem abschlägigen Ergebnis: Weder dieser Vergleich noch Vergleiche mit anderen vorgeschlagenen Selbstbildnissen gäben verifizierbare Hinweise auf ein authentisches Selbstporträt des Malers, das seiner Meinung nach in keinem Fall vorliege: „Any similarity of features there and here seems insufficient to establish identity“.9
McFarlane (1971) unterstreicht die etwa von Weale vorgeschlagene Benennung des Mannes als Weinmesser.10 Diese sei, so der Autor, über die in der Hintergrundszene angegebenen Identifikationsmerkmale „Fässer und Kräne“ hinterlegt. Weiterführend betont er Übereinstimmungen mit dem vorgeschlagenen Selbstbildnis im Donne-Altar und stellt eine neue These auf: McFarlane setzt die Hinweise auf das Weinmessen (Fässer und Kräne) mit dem Attribut der Figur im Donne-Altar (eine Börse) gleich und meint, dass die hinzugefügten Gegenstände hier wie dort auf eine andere Profession als die des Künstlers weisen.11
1994 lehnt Devos die thematisierten Selbstdarstellungen von Hans Memling im Johannes-Altar, im Donne-Altar und im Passionstriptychon von Lübeck ohne weiterführende Angaben ab.12
Die Figuration eines arbeitenden Mönchs vor dem Hintergrund des Messrechts, einer der wichtigsten Einnahmequellen des Klosters, wird auch von De Vos (1994/97) unterstützt, der dezidiert ablehnt, es könne sich um ein Selbstporträt handeln. De Vos sieht in der Gestalt wie bereits van der Meer13 den Bruder Jacob de Ceuninc, Stifter und Schatzmeister des Krankenhauses.14
Thiemann (1994), die eine gesicherte Identifikation ausschließt, bezeichnet das Porträt als eine angesehene profane Figur, die im Zusammenhang mit der Stiftung stehen müsse. Dies sei durch die auffällige Inszenierung und die Zugewandtheit zur sakralen Szene ausgedrückt.15 „Der implizite primäre Betrachter“, so die Autorin weiter, sei im Johannes-Altar nur insofern zu finden, „als der Künstler dem Anspruch des Auftraggebers gerecht zu werden gedachte.“16
Weitere Forschungsmeinungen fokussieren in variierenden Zuweisungsvorschlägen ebenfalls auf die Theorie, ein Mitglied des Ordens sei gezeigt: Blum (1969), Belting/Kruse (1994)17 und Lobelle-Caluwè (1997) präferieren die von Weale getätigte Zuschreibung als Bruder Judocus Willems;18 Campbell (2005) vermutet in ihrer Auflistung identifizierbarer Assistenzporträts bei Memling zwar ein Ordensmitglied, konkretisieren dies allerdings nicht weiter;19 Michiels (2007) schlägt Bruder Jan Floreins Van der Riist als Modell für die Figur vor, einen Liebhaber der Kunst, der an der Stiftung beteiligt gewesen sein könnte.20
Salomon (2009) arbeitet wiederkehrende ikonografische Standards niederländischer Selbstdarstellungen heraus - ein solcher ist die Positionierung von Selbstbildnissen in räumlicher Nähe zu einer Säule, wie es bereits bei van Eycks Spiegelung in der Paele-Madonna zu beobachten ist. Ein von vielen anerkanntes Beispiel hierfür ist das Selbstporträt von Memling im Donne-Altar, das die Autorin mit der Beschreibung von Michiel abstimmt. Ist dieses Porträt eine Selbstdarstellung, so die Autorin weiter, so muss auch der Mann, der im Johannes-Altar hinter einer Säule hervortritt, eines sein. Weitere Beispiele seien in nachfolgenden Gemälden gegeben: Dieric Bouts, Feuerprobe, Dieric Bouts, Abendmahlaltar und Rogier van der Weyden, Sakramentsaltar.21
Gigante (2010), die der Ansicht ist, dass die meisten Identifikationen von Selbstdarstellungen bei Memling keine Grundlage haben, weist auch die These zur Selbstthematisierung im vorliegenden Gemälde zurück. Ihrer Meinung nach handle es sich bei der schwarzgekleideten Figur eher um den Stifter Jacob de Ceuninc.22
Verweise
Weale 1901, 14f.↩︎
De Vos 1994c, 156; Meer 1978, 263.↩︎
Michiels 2007, 114.↩︎
Kaemmerer 1899, 85.↩︎
Ring 1913, 104.↩︎
Friedländer 1939, 124. Wie im Katalogbeitrag zu Memlings Donne-Altar angegeben, revidiert Friedländer damit eine ältere Meinung. Zuvor (erstmals 1916) nahm er „um 1433“ als Geburtszeitraum Memlings an. Vgl. Katalogeintrag zum Donne-Altar, Friedländer 1916, 55f.↩︎
Hall 1963, 204.↩︎
Corti/Faggin 1969, 87f; Faggin 1973, 87.↩︎
Davies 1970, 42.↩︎
Bruder Judocus (Josse) Willems, öffentlicher Weinmesser, vgl. Weale 1901, 14f.↩︎
Für den Donne-Altar schlägt McFarlane die Identifizierung als Steward für das mutmaßliche Selbstporträt vor. McFarlane (hg. von Wind 1971), 11f.↩︎
De Vos 1994a, 474.↩︎
Meer 1978, 263.↩︎
De Vos 1994c, 156. Ähnlich bei: De Vos 1997, 4. De Vos 1994b, 78↩︎
Thiemann 1994, 94.↩︎
Ebd., 98.↩︎
Belting/Kruse 1994, 250.↩︎
Blum 1969, 89; Lobelle-Caluwé 1997, 46; Weale 1901, 14f.↩︎
Campbell 2005, 52. Ebenso u. a. bei Ridderbos 2005, 137.↩︎
Michiels 2007, 114.↩︎
Salomon 2009, 50–53.↩︎
Gigante 2010, 118f, bes. 119.↩︎
Man in Black
Gestiftet von Geistlichen des Johannes-Hospitals in Brügge, einer der ältesten karitativen Einrichtungen der Stadt,1 steht der Johannes-Altar in direktem Zusammenhang mit den Auftraggebern. Die Mitteltafel zeigt die mystische Vermählung der hl. Katharina sowie Darstellungen von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten. Im rechten Bildhintergrund dieser Tafel findet sich eine kleine, partiell überschnittene Gestalt. Diese ist von Architekturelementen (Säulen), die den Raum der sakralen Handlung abgrenzen, gerahmt. Ganz in eine schwarze Mönchstracht gekleidet, fällt sie wegen gekonnt arrangierter Freistellungsmechanismen (umgebender Landschaftsfreiraum, Einzelfigur) ins Auge. Sie ist einer weltlichen Szene weiter im Hintergrund vorgelagert, die eine der wesentlichen Einnahmequellen des Klosters zeigt: das Recht auf Messen von Wein, der auf dem Marktplatz gehandelt wurde.2 Ein weiterer Mönch ist bei eben dieser Tätigkeit dargestellt.
Gerade in Hinblick auf Müller Hofstedes Theorie zu der niederländischen Selbstbildnisfigur,3 die sich zumeist klein im Hintergrund einfindet, und auch bezogen auf die zweifelsfrei gegebenen kompositorischen und andeutungsweise auch physiognomischen Verwandtschaften mit dem als Selbstporträt diskutierten Bildnis im Donne-Altar ist es sehr verführerisch, dem Mann in Schwarz den Status einer Selbstdarstellung zuzuschreiben. Auch Memlings kompositorische Orientierung am Vorbild von Jan van Eycks Paele-Madonna,4 einem Gemälde, in das eine Selbstdarstellung integriert ist, könnte die These stützen. Selbst die dem Mönchsstand zugeschriebene Kleidung könnte alternativ als typische Künstlerkleidung beschrieben werden, wie es Henry für italienische Beispiele diskutiert: Schwarze Bekleidung wäre demnach typisch für Selbstbildnisse, Beispiele hierfür liefern etwa Signorelli im Dom von Orvieto oder Perugino im Collegio del Cambio in Perugia.5
Die Verbindung mit der Szene des Weinmessens wurde vielfach thematisiert (siehe Forschungsstand). Gerade dieser Zusammenhang zeigt, dass es sich keineswegs um ein alleingestelltes Subjekt handelt, sondern dass der Bruder als eventuelles Rollenporträt diskutiert werden könnte. Aus dem Bild ablesbare Details stellen die Theorie eines Selbstbildnisses deutlich in Frage: So sind etwa die städtischen Gemäldesegmente mit der im linken Hintergrund gegenübergesetzten ländlichen Szene parallelisiert – und dieser sind ebenfalls Menschen in nahezu selber Dimension vorgelagert, ohne prominente Identifikationen erfahren zu haben. De Vos bringt überzeugend die Theorie vor, es handle sich um einen Bruder, der möglicherweise aktiv an der Stiftung beteiligt gewesen war.6 Folgt man diesem Ansatz und wertet man das Porträt zudem als Ergänzung zu den Hauptstiftern, die nur im geschlossenen Zustand des Altars auf den Außentafeln sichtbar werden, so scheint es überzeugend, dass über die klösterliche Tätigkeit auch in der Innenansicht ein mehr als symbolischer Hinweis auf die Stiftertätigkeit des Konvents gemacht wurde – ein Hinweis, der über ein reales Porträt hinterlegt wurde. Folglich stünde das Bildnis stellvertretend für die Verantwortlichen des Klosters. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Memling in diesem Zusammenhang ein symbolischer Anteil zuzusprechen ist, so könnte er sich in sinnbildlicher Gestalt als geistiger Urheber (Stifter) eingebracht haben – als Hinweis auf den Anteil des Malers/der Malerei. Gerade in einer Arbeit für das Sint-Janshospitaal, das sich als Hauptauftraggeber Memlings etablieren sollte und in dem seine Malerei einen hohen Stellenwert innehatte, scheint diese These folgerichtig. Im Hospital finden sich zwei weitere Werke Memlings, in deren Zusammenhang integrierte Selbstbildnisse diskutiert werden: das Triptychon von Jan Floreins und der Reliquienschrein der hl. Ursula. Jedenfalls könnte das Porträt als Vorentwicklung zum Selbstporträt im Donne-Altar verstanden werden.
Unabhängig von der Figur weist die Inschrift an der unteren Rahmenleiste unbestritten auf Memling. Als eine von zwei überlieferten Inschriften im Gesamtoeuvre des Malers7 nennt sie den Namen des Meisters und die Datierung des Altars: OPVS IOHANNIS HEMLING ANNO MCCCLXXIX.
Verweise
De Vos 2002, 171.↩︎
De Vos 1994c, 151, 156. Ähnlich in: De Vos 1994b, 72; De Vos 2002, 173.↩︎
Müller Hofstede 1998.↩︎
De Vos 1994c, 151. Ähnlich in: De Vos 1994b, 72; De Vos 2002, 172.↩︎
Pietro Perugino, Selbstporträt, um 1500, Perugio, Collegio del Cambio. Vgl. Henry 2012.↩︎
De Vos 1994c, 156. Vgl. zudem Michiels 2007, 114.↩︎
Die zweite Inschrift ist im Floreins-Triptychon gegeben.↩︎
Literatur
Zitiervorschlag:
Krabichler, Elisabeth: Thronende Madonna mit Kind (Katalogeintrag), in: Metapictor, http://explore-research.uibk.ac.at/arts/metapictor/katalogeintrag/memling-hans-thronende-madonna-mit-kind-1479-brugge-sint-janshospitaal-memling-museum/ (06.02.2026).