Baldovinetti, Alesso

Bildrechte
Weitere Namen:Alessio Baldovinetti
Geburt: um 1425 in Florenz
Tod: 1499 in Florenz
Lexika: AKL | GND

Von Alesso Baldovinetti sind mehrere Selbstporträts in der Literatur behandelt worden. Sie sind jedoch entweder zerstört, wie jenes in der Eligius-Kapelle des Ospedale S. Maria Nuova in Florenz, oder es fehlt ihnen der erzählerische Zusammenhang, wie den Selbstbildnissen am Dom zu Pisa, im Dekorsystem der Anbetung in der Santissima Annunziata in Florenz oder auf dem Tondo der Accademia Carrara in Bergamo.

Schon ein Nachfahre des Künstlers, Francesco Baldovinetti, erwähnt in seinem Memoriale von 1513, einer Schrift über seinen Ahnen, zwei Selbstbildnisse: eines auf den Wandmalereien in S. Trinita in Florenz und eines in der Chorkapelle von S. Maria Nuova.1 Beide werden auch bei Cavalcaselle und Crowe thematisiert.2 Der Künstler soll sich also in S. Trinita in einer Figurengruppe mit einem blass-rosa „cioppone“ und einem Taschentuch dargestellt haben. Wedgwood mutmaßt, dass sich Giovanni di Poggio Baldovinetti eine Kopie dieses Bildnisses hat machen lassen.3 In einer Schrift über die Florentiner Kirchen wird es noch einmal beschrieben inklusive der Kopfbedeckung: Der Künstler habe sich als junger Mann in roter Kleidung und einer grünen Kappe gemalt, in seiner Hand ein weißes Taschentuch.4 1760 wurden die Fresken abgeschlagen, um einer barocken Ausstattung zu weichen. Cavalcaselle und Crowe erwähnen noch ein weiteres Selbstbildnis im Memoriale, welches sich in der Kirche St. Egidio des Ospedale di S. Maria Nuova befunden haben soll.

Eventuell handelt es sich bei dem Tondo in der Sammlung der Accademia Carrara um das Selbstbildnis, welches sich laut Memoriale in S. Trinita befunden haben soll.5 Nachdem Baldovinettis Fresken inzwischen bis auf die erwähnten Fragmente zerstört sind, wird hier auf einen Katalogbeitrag in der Datenbank verzichtet. Es zeigt einen streng aus dem Bild blickenden Mann mit einem turbanartigen Mazzocchio und wird von mehreren ForscherInnen als Selbstbildnis identifiziert. Diese berufen sich in ihrer Argumentation auf die Ähnlichkeiten zu einem Porträt Baldovinettis aus der Hand Domenico Ghirlandaios.6 Die Physiognomie des hageren Mannes mit dem auffallenden Mazzocchio ähnelt nämlich sehr einem Porträt in der Szene Vertreibung des Joachim in Santa Maria Novella, welches Vasari laut eigener Aussage als Vorlage für sein Vitenbild nahm.7 Ghirlandaio hat hier offensichtlich seinem Lehrer ein Denkmal setzten wollen. In Umkehrung der Argumentationskette dient die große Ähnlichkeit der markanten Gesichtszüge der beiden Bildnisse auch dazu, zu widerlegen, dass es sich bei der Figur um Tommaso Ghirlandaio, den Vater Domenicos, handelt.8 Zusammen mit dem Selbstporträt Ghirlandaios und den Porträts der Maler Davide Ghirlandaio und Sebastiano Mainardi auf demselben Gemälde haben wir es hier wahrscheinlich mit einem frühen Künstlergruppenporträt zu tun.9 Schmid setzt es in eine Linie mit dem Dreierporträt der Gaddi, dem Paolo Uccello zugeschriebenen Tafelbild Fünf Meister der Renaissance oder den Porträts von Fra Angelico und Signorelli in Orvieto beziehungsweise von Raffael und Sodoma in der Schule von Athen.10

Laut einer Inschrift aus dem 18. Jahrhundert auf der Rückseite stammt dieses Porträt tatsächlich aus dem Chor der S. Trinita in Florenz und stellt den Künstler dar. Diese Inschrift bezieht sich in ihrem Wortlaut auf die Beschreibung aus dem Memoriale, wohl um die Authentizität des Selbstporträts zu bekräftigen. Der ursprüngliche Kontext des Bildnisses ist zwar nicht mehr rekonstruierbar, eventuell handelt es sich aber um den Kopf des im Memoriale erwähnten Selbstbildnisses mit dem Taschentuch. Die Differenzen in der Farbigkeit – tiefes Rot statt blasses Rosa, dunkle Kopfbedeckung statt grün – ließen sich mit dem Alterungsprozess der Malerei erklären.11 Wie sich der originale Bildzusammenhang gestaltet hat, ob es sich also bei dem Kopf tatsächlich um den Teil eines ganzfigurigen Porträts im erzählerischen Kontext handelt, entzieht sich unserer Kenntnis. 

Verweise

  1. „djpinse amesser bongiannj gianfigliazzi lachappella magiore dj santa trinita che ghrande edjfitjo ove eritrasse moltj nobilj cjpttadjnj eritrassevj ghuido baldovinettj esse medesimo a drieto atuttj chonuncjoppone rose secche indosso evno fazoletto inmano ebbene gran premio“ bzw. „djpinse laltare maggiore disanta maria nuova elacappella dove esiritrasse chonuno saeppolo overo vno dardo inmano evna gornnea indosso”. Zitiert bei Horne 1903b, 386.↩︎

  2. Erwähnt bei Cavalcaselle/Crowe 1864, 381.↩︎

  3. Prinz 1966, 84; Wedgwood Kennedy 1938, 180.↩︎

  4. Zitiert bei Horne 1903a, 174.↩︎

  5. Alessio Baldovinetti, 15. Jahrhundert, Selbstporträt (?).↩︎

  6. Vasari/Lorini/Zeller 2010, 85. Domenico Ghirlandaio, 1486–1490, Florenz, Santa Maria Novella, Vertreibung Joachims aus dem Tempel.↩︎

  7. Ebd., Vasari, Viten, 2. Auflage 1568, Porträt des Alessio Baldovinetti.↩︎

  8. Schmid 2002, 114f.↩︎

  9. Prinz 1966, 99.↩︎

  10. Schmid 2002, 117.↩︎

  11. Wedgwood Kennedy 1938, 181.↩︎

Literatur

Cavalcaselle, Giovanni Battista/Crowe, Joseph Archer: A New History of Painting in Italy from the Second to the Sixteenth Century. Vol. II., London 1864.
Horne, Herbert P.: A Newly Discovered 'Libro di Ricordi' of Alesso Baldovinetti. Part II, in: The Burlington Magazine for Connoisseurs, 2. Jg. 1903, H. 5, 167–174.
Horne, Herbert P.: A Newly-Discovered 'Libro di Ricordi' of Alesso Baldovinetti. Appendix – Documents Referred to in Articles, in: The Burlington Magazine for Connoisseurs, 2. Jg. 1903, 377–390.
Prinz, Wolfram: Vasaris Sammlung von Künstlerbildnissen. Mit einem kritischen Verzeichnis der 144 Vitenbildnisse in der zweiten Ausgabe der Lebensbeschreibungen von 1568, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, 12. Jg. 1966, Beiheft, 1, 3–158.
Schmid, J.: Et pro remedio animae et pro memoria. Bürgerliche repraesentatio in der Cappella Tornabuoni in S. Maria Novella (Italienische Forschungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz: I Mandorli, 2), München u. a. 2002.
Vasari, Giorgio/Lorini, Victoria/Zeller, Anja: Giorgio Vasari: Das Leben des Florentiner Malers Alesso Baldovinetti. Vita di Alessio Baldovinetti. Pittore Fiorentino (1568), in: Nova, Alessandro (Hg.): Das Leben des Sandro Botticelli, Filippino Lippi, Cosimo Rosselli und Alesso Baldovinetti. Neu übersetzt und kommentiert, Berlin 2010, 79–86, 181–203.
Wedgwood Kennedy, Ruth: Alesso Baldovinetti. A Critical and Historical Study, New Haven u. a. 1938.

Zitiervorschlag:

Rupfle, Harald: Baldovinetti, Alesso (Künstler), in: Metapictor, http://explore-research.uibk.ac.at/arts/metapictor/kuenstler/baldovinetti-alesso/ (06.02.2026).