Palmezzano, Marco

Bildrechte
Weitere Namen:Marcus de Melotius; Marchus Palmezanus
Geburt: 1456 bis 1459 in Forlì
Tod: 1539 in Forlì
Lexika: AKL | GND

Marco Palmezzano war ein Schüler des Melozzo da Forlì, mit dem er gemeinsam an mehreren Werken beteiligt war. Ein weitgehend als authentisch angesehenes Porträt des etwa achtzigjährigen Künstlers befindet sich in der Pinacoteca Civica von Forlì. Es befand sich ursprünglich über seinem Grab in der Dominikanerkirche der Stadt und galt lange Zeit als ein eigenhändiges Werk. Stilistische Ungereimtheiten, vor allem aber die Tatsache, dass die Malerutensilien prominent in den Bildvordergrund gerückt sind, machen eine postume Entstehung des Bildes in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wahrscheinlicher. Der ursprüngliche Anbringungsort am Grab und die dargestellten Utensilien lassen aber keinen Zweifel an der Identität des Dargestellten.1 Das Bild kann somit als Vergleichsbeispiel zur Überprüfung der vermuteten Selbstbildnisse herangezogen werden. Eine Tafel in der Accademia Carrara, die auch Ähnlichkeiten zu diesem Porträt des Künstlers in Forlì aufweist, galt lange Zeit gleichfalls als autonomes Selbstbildnis. Sie wird heute aber aus stilistischen Gründen einem anonymen Künstler aus Ferrara zugeschrieben.2

Bei Gemeinschaftsarbeiten von Melozzo und Palmezzano ist die Händescheidung bisweilen schwierig und wird nach wie vor diskutiert. Somit wird auch die Figur am rechten Bildrand im Einzug in Jerusalem der Basilika in Loretto je nach Zuschreibung als Selbstbildnis Melozzos oder Palmezzanos3 gedeutet. Inzwischen gilt die Wandmalerei als eigenhändiges Werk Melozzos und wird in dieser Datenbank auch bei diesem Künstler behandelt.

Ein integriertes Selbstbildnis wurde in einem Freskenzyklus der Kirche San Biagio in Forlì vermutet, der 1493-1495 ebenfalls als eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Maler entstand. Die rechte Seitenwand wurde mit Szenen aus dem Leben des hl. Jakob des Älteren geschmückt. Über die Zuschreibung der einzelnen Darstellungen herrscht Uneinigkeit, das Lünettenbild mit dem Hühnerwunder des hl. Jakobus wird jedoch inzwischen meist Melozzo da Forlì zugeschrieben, der sich dort zusammen mit seinem Schüler dargestellt haben soll. Das Fresko der unteren Wandzone gilt als ein eigenhändiges Werk Palmezzanos, welcher das Werk seines Lehrers vollendete und hier auch seine Signatur anbrachte.4 Es zeigt in strenger Zentralperspektive das Martyrium des hl. Jakob, wobei der Fluchtpunkt des Bildes auf der zentralen Säule zu liegen kommt. Dieser auffallende Punkt wird zudem durch einen Cartellino mit der Signatur des Künstlers und der Datierung markiert, wobei die Jahreszahl schon im 18. Jahrhundert nicht mehr lesbar war. Die Signatur bestätigt für den unteren Teil der Wandmalereien somit die Urheberschaft Palmezzanos, umso mehr, da der für seine Fähigkeiten in der Zentralperspektive berühmte Künstler sie an dem für die Konstruktion bedeutendsten Punkt angebracht hat.5 Die Kapelle wurde leider 1944 völlig zerstört und es sind nur einige Fotografien erhalten. Allerdings war der Zustand der Malereien zum Zeitpunkt der Aufnahmen bereits so schlecht, dass eine Überprüfung der verschiedenen Thesen im Vergleich mit den anderen Porträts nicht möglich ist. Nur die von Pietro Reggiani Anfang des 19. Jahrhunderts angefertigten Zeichnungen geben etwas mehr Aufschluss.6

Die drei Figuren der Gruppe am linken Bildrand des Wandbildes wurden mit diversen zeitgenössischen Personen identifiziert. So erkannte Pietro Reggiani 1834 in dem jungen Mann am äußersten Rand den Maler selbst, in der mittleren Gestalt mit dem Zirkel den Mathematiker Sigismondo Ferrarese und in der bärtigen Gestalt rechts den Lehrer Palmezzanos, Melozzo da Forlì, in Anlehnung an dessen Selbstporträt mit Bart in Loreto. Spätere Autoren wie etwa Grigioni oder Filippini deuten wiederum die bartlose Figur mit dem Zirkel als Porträt Melozzos.7 Filippini argumentiert dabei mit dem Verweis auf ein Porträt Melozzos auf den Fliesen der Cappella Lombardini, welches einen bartlosen Mann mit der Inschrift MELOTIUS PITOR zeigt.

Da der Zirkel mit der aufkommenden Bedeutung der konstruierten Zentralperspektive spätestens im 16. Jahrhundert auch als Malerutensil gilt, vermutet Horký bereits in dieser Darstellung des Quattrocento ein Selbstporträt Palmezzanos. Sie erkennt hier also eine ungewohnt frühe Verwendung dieses Instrumentes als Attribut eines Malers und bekräftig ihre These mit dem Hinweis auf den Fluchtpunkt als Anbringungsort der Signatur: „Der Maler betritt den Bildraum demnach mit dem Instrument in den Händen, mit dem er ihn – ausgehend von dem mit der Signatur markierten Punkt – mittels der Geometrie geschaffen hat.“8 Togni glaubt anhand der Nachzeichnungen Reggianis Ähnlichkeiten zu der in Forlì aufbewahrten Porträttafel ausmachen zu können, was die Plausibilität eines Selbstporträts Palmezzanos in dieser Figur ebenfalls erhöht.9 Die Position am Bildrand, die Ähnlichkeiten zu einem erhaltenen Porträt und die offenkundige Thematisierung der konstruierten Zentralperspektive als malerische Errungenschaft machen es sehr wahrscheinlich, dass es sich hier um ein Selbstbildnis gehandelt hatte, welches einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des künstlerischen Selbstverständnisses markierte. Da das Werk jedoch zerstört wurde und auch die erhaltenen Aufnahmen eine Nachprüfbarkeit der Thesen unmöglich machen, wird von einem Katalogbeitrag abgesehen.

Verweise

  1. Togni 2005, 342.↩︎

  2. Ebd.↩︎

  3. So Lányi 1938, 103.↩︎

  4. Tumidei 2005, 42.↩︎

  5. Horký 2003, 141.↩︎

  6. Togni 2005, 342.↩︎

  7. Ein Überblick über die Zuweisungen findet sich bei Grigioni 1956, 32–34.↩︎

  8. Horký 2003, 141.↩︎

  9. Togni 2005.↩︎

Literatur

Grigioni, Carlo: Marco Palmezzano. Pittore forlivese, nella vita, nelle opere, nell'arte, Faenza 1956.
Horký, Mila: Der Künstler ist im Bild. Selbstdarstellungen in der italienischen Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts, Berlin 2003.
Lányi, Jenö: Un autoritratto di Melozzo da Forli, in: Critica d'arte, 3. Jg. 1938, 97–103.
Togni, Serena: Anonimo del secolo XVI. 58. Ritratto di Marco Palmezzano, in: Paolucci, Antonio (Hg.): Marco Palmezzano. Il Rinascimento nelle Romagne (Ausstellungskatalog, Forlì, 04.10.2005–30.04.2006) 2005, 342–343.
Tumidei, Stefano: Marco Palmezzano (1459–1539). Pittura e prospettiva nelle Romagne, in: Paolucci, Antonio (Hg.): Marco Palmezzano. Il Rinascimento nelle Romagne (Ausstellungskatalog, Forlì, 04.10.2005–30.04.2006) 2005, 27–71.

Zitiervorschlag:

Rupfle, Harald: Palmezzano, Marco (Künstler), in: Metapictor, http://explore-research.uibk.ac.at/arts/metapictor/kuenstler/palmezzano-marco/ (06.02.2026).